Wollsocke

Die vergangenen Tage haben mich, warm und sonnig wie sie waren, wie so viele andere Leute hinaus ins Freie gezogen, um mich an den wärmenden Strahlen der Sonne zu erfreuen.

An solchen Tagen werden bestimmte Accessoires, wie gute Kopfhörer, zu unerlässlichen Begleitern!

Nicht nur, weil ich gerne Musik höre, während ich unterwegs bin, sondern weil sie mir hauptsächlich als Schutz vor verbaler Luftverschmutzung im öffentlichen Personennahverkehr dienen.

Vergesslichkeit kommt mich in diesem Zusammenhang leider immer teuer zu stehen, wie ich auch am vergangenen Wochenende wieder feststellen musste, als ich die Wohnung verließ und meine Ohrstöpsel nicht bei mir hatte.

Anstatt zurückzugehen und sie doch zu holen, ging ich weiter, weil ich ja zu Fuß unterwegs war und wollte mich, ganz naiv, an den Geräuschen der Natur erfreuen, statt diese mit lauter Heavy Metal Musik zu übertönen.

Wie sehr ich das bereuen sollte, sollte sich etwas später herausstellen.

Kaum war ich an meinem Ziel angekommen, setzte ich mich auf eine freie Bank. Auf der Bank daneben zwei Herren, die in eine Diskussion vertieft zu sein schienen und ich überlegte noch, ob ich nicht lieber weiter gehen und mich woanders hinsetzen soll. Auch hier habe ich die falsche Entscheidung getroffen und mir selbst auferlegt, mich nicht so anzustellen.

Ich holte das Buch heraus, was mich in fantastische Welten tragen, mir von schwertschwingenden Helden, sprücheklopfenden Magiern und Amazonen, die noch nie ein Patriarchat erlebt haben, erzählen sollte.

Doch welch Pein! Das, was ich zunächst als Diskussion vermutete, war ein lauter, unablässiger Monolog eines Schreihalses und seinem nickenden und zustimmenden Zuhörer.

Wegen meiner sprücheklopfenden Nachbarn, die parolenschwingend beklagten, was für ein Misthaufen Europa doch ist, war ich also nicht dazu in der Lage auch nur eine Zeile zu lesen, ohne aus der Welt gerissen zu werden, in die ich so gerne eintauchen wollte.

Stattdessen durfte ich mir ein Lamento darüber anhören, wie schwer es jene in unserer Gesellschaft haben, die ihre Meinung aussprechen. Ihnen werde ja sogleich der Mund verboten, wenn sie nur wagten zu sagen, wo die wahren Probleme liegen und wer die tatsächlichen Schuldigen für alles Unheil sind.

Widerwillig hörte ich mir an, wie „die Flüchtlinge“ und „die Musilme“ daran (an allem) schuld sind. Ein Blick auf den Laudator ließ mich vermuten, dass er wohl einen Schuldigen dafür sucht, dass er an einem Tag, an dem 25°C gemessen sind, in Wollsocken und Lederimitat-Hausschuhen auf einer Bank sitzt und an seinem Dampfapperat ziehen muss. Der arme. Allerlei illustre Lösungsansätze von dem erklärten Nichtwähler waren selbstverständlich auch direkt zur Hand.

Man möchte doch bitte aufhören „denen da unten“ sein Geld zu schicken. Die wüssten nicht, was sie damit anstellen sollen. Man möge sich doch mal die ganzen Flüchtlinge ansehen. Sie behaupten, sie haben kein Geld, haben aber alle ein Handy. Wie das und noch so manches anderes, garniert mit menschenverachtendem Wortausfluss, denn wohl zu erklären sei, frage er sich und seinen jubilierenden Zuhörer.

Ich habe wirklich keine Ahnung, wie lange ich versucht habe, mich auf mein Buch zu konzentrieren und nicht hinzuhören.

In dieser Zeit habe ich sehr mit wachsendem Druck auf meinen Kiefer und dem Verlangen gekämpft, diesem Menschen zu sagen, er möchte seine Ansichten vielleicht nochmal überprüfen. Vielleicht mit den Worten „die Nazi-Scheiße kannst du dir stecken, Arschloch“.

Mehrere Punkte hielten mich davon ab:

1. ich würde ihm in die Karten spielen, mit seiner Ansicht, er dürfe seine Meinung ja nicht äußern,

2. wir waren in einem Park, da kann leider jeder so laut Verbaldiarröh verbreiten, solange sie damit niemanden einschränkt,

3. ich habe einige Tage zuvor tatsächlich in einer anderen Umgebung, die weniger öffentlich war, schon einem, der „seine Meinung äußerte“, mal meine Meinung gesagt und dabei die Contenance verloren. Das ist mir bis heute peinlich und ich ärgere mich darüber, dass ich so an die Decke gegangen bin. Wäre es wenigstens gegenüber jemandem gewesen, der intelligent genug ist, meine Kritik als solche anzunehmen aber …

4. das geht ins Leere,

5. zwingt mich keiner, mir das anzuhören.

Ich bin dann, als ich nicht mehr konnte, aufgestanden und weggegangen.

Problem: wie bekommt man diese Scheißeschleudern wieder dazu, dass sie diesen Dreck nicht mehr rumposaunen und dabei auch noch das Gefühl haben, sie dürfen ja nirgends ihre Meinung kundtun?

,,Das wird man wohl noch sagen dürfen!”

Denn der, der in der Situation seine Meinung für sich behalten hat, war ich.

Muss ich Intoleranz tolerieren?

Mein Buch habe ich an dem Tag nicht mehr weiterlesen können.

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Differentialrechnung

Ich bekomme oft gesagt, ich müsse auch „die andere Seite“ betrachten. Die sei nämlich auch nicht besser.

Natürlich bekomme ich diese Aufforderung nicht aus heiterem Himmel, sondern immer dann, wenn ich mich mit jemandem über das Thema Integration unterhalte.

Am liebsten würde ich die Diskussion an dieser Stelle mit einem „F*** Y**!“ beenden, doch mein gutes Benehmen und mein Wille zur Diplomatie zwingen mich dazu, dabei zu bleiben.

Es geht mir weder hier noch sonst irgendwo darum, mit dem Finger auf Leute zu zeigen. Es geht mir nicht darum aufzuzählen, was andere scheiße machen. Das tun andere besser als ich und verdienen damit ihr Geld. Wer jemanden sucht, der die Fehler Anderer aufzeigt, findet hierfür allerlei Plattformen und Medien, um hinterher sagen zu können „endlich sagt es mal einer!“. Der Springer-Verlag freut sich über jeden Leser.

Es geht mir darum, ein paar Schritte zurück zu gehen und die Dinge mit etwas Abstand zu betrachten.

Ich habe mir auf meine ganz eigene Fahne geschrieben immer mit dem anzufangen, den ich ändern kann: mir selbst.
Weiterhin halte ich die Menschen, die Wert auf meine Ansicht legen dazu an, das auch zu tun und immer zuerst bei sich selbst zu schauen.

Wenn ich hier von Gegebenheiten berichte, die mir oder meinen Geschwistern widerfahren sind, dann sind das erst mal Berichte. Nichts weiter. Wie du damit umgehst, ist deine ganz eigene Sache. Es sagt aber etwas über dich aus.

Suchst du in dir danach, wie du in einer solchen Situation handeln würdest, wie du dich verhalten würdest oder fängst du an zu argumentieren „die sind doch auch so“?

Ich bin nicht blöd, hoffe ich.

Ich weiß, dass Integration keine Einbahnstraße ist und dass nicht nur der Wille da sein muss zu integrieren, sondern auch integriert zu werden (ver****t nochmal!). Aber wie dumm und wie kindisch ist es denn, in einer solchen Diskussion, bei einem solchen Problem immer den Finger auszustrecken und zu sagen „die sollen aber auch“!

Geh doch einfach davon aus, dass die dumm sind! Nein – Entschuldigung. Geh davon aus, dass du intelligent bist. Das kannst du sicher.

Intelligent sein ist anstrengend! Du musst immer Verständnis haben für andere. Du musst gegebenenfalls sogar für andere mitdenken, die gewisse Dinge nicht verstehen.

Das schlaucht, ich weiß. Aber so ist es nun mal.

Mir persönlich ist das Resultat, wenn ich ein paar wenige mitnehmen kann lieber, als wenn ich mich in einer aufgesetzten Dummheit zurücklehne und darauf warte, dass andere, die es einfach nicht besser wissen können, mir entgegen kommen. Mir ist meine Variante lieber als dauernd mit dem Finger auf andere zu zeigen und sich einer gefühlten Machtlosigkeit zu ergeben.

„Du kannst die Welt auch nicht verändern!“ – Ja, wer denn sonst?

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Stolz

– bin ich auf etwas, was ich selbst, alleine oder mit Hilfe von jemand anderem geleistet habe.

Etwas, worin ich Arbeit gesteckt habe, was ich erschaffen habe. Etwas, was vorher da war und was ich verbessert habe. Darauf kann ich stolz sein.

Ich kann stolz sein auf meine Brüder und Schwestern, die tolle Menschen geworden sind.
Die es geschafft haben, allen Widrigkeiten zum Trotz, gute Eltern zu werden und die wiederum Kinder groß ziehen, auf die sie stolz sein können.

Ich kann auf meine Geschwister stolz sein, die trotz ihrer Höhen und Tiefen im Leben, doch auf einen Weg gekommen sind, auf dem es für sie weiter geht und ich kann stolz darauf sein, wenn ich dazu einen Beitrag geleistet habe.

Ich bin stolz auf meine gedanklichen Ergüsse hier. Auch wenn sie in der riesigen Sanduhr der Zeit nicht mehr als einen sandkorngroßen Fleck auf einem Sandkorn ausmachen. Ich kann darauf zeigen und sagen „das habe ich gemacht!“

Ich kann stolz darauf sein, dass ich die Disziplin und die Ausdauer bewiesen habe, einen Marathon gelaufen zu sein. Ich kann stolz darauf sein, dass ich meinen Körper so gepflegt habe, dass er dieser Strapaze stand hält.

Ich kann von Glück reden, dass ich einen Körper bekommen habe, der die Voraussetzungen dafür hatte.
Ich kann von Glück reden, dass ich gute Gene geerbt habe und diese wiederum gut aus unzähligen Generationen weiter gegeben worden sind, die sich immer vermischt haben, um schließlich mich zu ergeben.

Darauf kann ich nicht stolz sein. Das war Glück.

Ich kann von Glück reden, dass ich hier geboren worden bin. Dass meine Eltern hierher gekommen sind und hier eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder gesehen haben und diese Chance ergriffen haben.

Ich kann von Glück reden, umgeben zu sein von lieben Menschen, die sie in diese Welt, in diese Umgebung gesetzt haben, so dass wir alle voneinander etwas haben.
Auch ihre Eltern haben sich vor kurzer oder vor langer Zeit dazu entschlossen hier zu bleiben.

Unser großes Glück.

Unser großes Glück, dass wir unser Glück erkennen und nicht verkünden stolz auf etwas zu sein, was uns zugefallen ist. Wir sind nicht stolz hier zu leben oder hierzu zu gehören. Wir sind glücklich und froh darüber, dass wir hier sind. Daran haben wir nichts getan. Das ist das Feld auf dem großen Spielfeld, auf dem wir anfangen durften zu laufen. Dafür habe ich nichts getan.

Ich bewundere das, was andere Menschen hier und überall geleistet haben und strebe an, meinen Teil dazu beizutragen, damit andere auch das Glück haben hier gut leben und sich daran erfreuen zu können.

Darauf ein (Nationalität) zu sein kann ich nicht stolz sein. Dafür habe ich nichts getan.

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Egozentrik

Ich bin wohl das, was man heute so schön als „Migrantenkind“ umschreibt.

Also unter anderem – derzeit ist das allerdings das Spiegelbild, was mir im öffentlichen Leben vorgehalten wird.

Was bin ich eigentlich noch?

Geboren 1979 in Aachen, und ebenda aufgewachsen.

Abi auf dem zweiten Bildungsweg gemacht, Wehrdienst geleistet, Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration abgeschlossen und auf dem Gebiet 15 Jahre als System- und Netzwerkadministrator gearbeitet.

Ich bin Erstgeborener von fünf Kindern meiner Eltern, die aus den besetzten Gebieten Palästinas stammen.

Ich bin sprachenvernarrt und literaturverliebt.

Ich bin vorsichtig geworden mit dem, was ich sage und wie ich es sage.

Ich bin jemand, der gerne auch mal um Entschuldigung bittet, wenn ich die Gefühle eines anderen verletzt habe.

Ich bin Weltenbürger und Aachener – mit Leib und Seele.

Ich bin eine körperliche wie geistige Symbiose aus Orient und Okzident.

Ich konsumiere Bücher, Filme und Serien.

Ich bin Nerd und sammle Spiele und Konsolen und trage das gerne nach Außen.

Ich bin Musiker, zumindest versuche ich mich manchmal als solcher.

Ich bin Musik- und allgemein Kunstliebhaber und trage auch das gerne auf Band-Shirts nach Außen.

Ich erforsche und zeige gerne Welten – nah wie fern.

Ich bin Pazifist und liebe … und liebe.

Ich bin handwerklich völlig unbegabt.

Ich bin ein Helfer bei allem, was ich denke zu können.

Ich bin gerne verständnisvoll und will verstanden werden.

Ich bin privat – also niemand, der „nichts zu verbergen“ hat und gehe mit meinen Daten sparsam um.

Ich bin wohl als „links-grün-versifft“ zu bezeichnen – und das ist auch gut so!

Ich bin Humanist, umweltbewusst, naturliebend.

Ich bin ein glühender Unterstützer der Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Merkel. Auch wenn ich sonst nichts an ihrer Politik oder Partei finden kann.

Ich bin beschämt, dass viele Flüchtlinge und Migranten ihr Bild, und auch das Bild aller hier bereits lange lebenden Migranten schädigen.

Ich bin geduldig.

Ich bin intolerant gegenüber Intoleranz.

Ich bin glücklich darüber, hier geboren worden zu sein und nicht in die Slums von Indien, wo ich mich einer Kaste unterordnen muss.

Ich bin glücklich darüber, hier geboren worden zu sein und nicht in Bangladesch, wo ich höchstwahrscheinlich keine Kindheit gehabt hätte, sondern wohl in einer Fabrik hätte arbeiten müssen.

Ich bin glücklich darüber, hier geboren worden zu sein und nicht in der Heimat meiner Eltern, weil ich oder eines meiner Geschwister sonst wahrscheinlich in unserer Jugend an der Intifada teilgenommen und womöglich getötet worden wären.

Ich bin glücklich darüber das Glück gehabt zu haben in eine Umgebung geboren worden zu sein, in der ich die Option hatte kostenlos Bildung anzunehmen und diese, in meinen begrenzten Fähigkeiten genutzt habe.

Ich bin glücklich darüber, dass ich nicht klage während es mir gut geht und andere Menschen, denen es bedeutend schlechter geht als mir, mehr lachen und fröhlicher sind, als die Menschen um mich, die das selbe Glück hatten.

Ich bin glücklich darüber, dass ich zum Arzt gehen kann, wenn ich krank bin, ohne mir darüber Gedanken machen zu müssen, ob ich das bezahlen kann.

Ich bin glücklich darüber, dass ich die Zeit und Muße habe, mir über mein Glück Gedanken zu machen und mich darüber zu freuen.

Ich bin glücklich darüber, sehen zu können, dass ich so viel Glück habe.

Ich bin all das und werde am Eingang eines Ladens wegen des arabischen Namens in meinem Ausweis nicht eingelassen.

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Alles was rechts ist

Ich glaube, ich bin einfach verblüfft. Nicht mal enttäuscht oder verärgert, sondern einfach überrascht und verblüfft.

Verblüfft darüber, dass diese Generation, mit der ich zur Schule gegangen bin, so denkt.

Was ist da passiert?

Wir sind im selben System aufgewachsen. Hattet ihr nicht auch Grundschullehrerinnen und -lehrer, die euch Verständnis und Offenheit gelehrt haben oder war das einfach mein Glück?

Hattet ihr nicht auch im Kindergarten schon Kinder aus anderen Ländern, mit denen ihr zusammen gespielt habt? War das damals ein Problem für euch? Oder seid ihr in Nationalitäten und Ethnien aufgeteilt worden? Ich weiß, dass ich im Kindergarten schon einen deutschen besten Freund hatte und wir keine Unterschiede sahen – außer dass er meinen Namen nicht richtig aussprechen konnte aber das war mir schon als Kind ziemlich egal.

Falls ihr anderes erlebt habt, lasst es mich bitte wissen, es würde so vieles erklären. Wie war das im Osten? Als ich im Kindergarten war, gab es da doch noch dieses Land, was sich viele, die von dort sind, zurück wünschen, wo Gleichheit unter den Menschen gelehrt wurde.

Habt ihr, dort wie hier, in der Schule nicht auch gelernt, dass die Klassenkameradin mit der dunklen Haut und der Klassenkamerad, der kein Schweinefleisch isst, durch die selbe Pubertät gehen muss, wie ihr auch?

Oder haben die bei euch im Biologieunterricht in einen anderen Raum gehen müssen, wo sie darauf vorbereitet werden euch die Arbeitsplätze und die Frauen wegzunehmen? Vielleicht erinnere ich mich ja auch einfach nicht richtig.

Ich erinnere mich, dass es bei uns in der Grundschule Unterricht für griechische Kinder gab – das war allerdings die einzige Zeit, wo Kosta und Irini und Evangelila mal für eine Stunde in eine andere Klasse gegangen sind. Ich brauchte auch nicht am Religionsunterricht teilzunehmen.

Kommt daher vielleicht schon der Neid?

Musstet ihr nicht, genau wie ich auch, im Geschichtsunterricht durch die endlos wirkenden Wiederholungen das dritte Reich betreffend? Oder haben sich die Ausländer eurer Schulklassen vorne zum Lehrer hingestellt und euch mit erhobenem Zeigefinger verantwortlich dafür gemacht, was eure Großeltern gemacht haben?

Ich weiß, dass ich, genau wie meine Mitschüler auch, gestöhnt und die Augen verdreht habe, wenn wir wieder mit diesen Dingen betankt wurden.

Aber es war und es ist wichtig, dass wir das wissen – offensichtlich.

Haben wir, die wir aus anderen Ländern stammen, oftmals aber hier geboren und aufgewachsen sind, bessere Chancen gehabt als ihr, die ihr von hier seid? So, wie ich das mitbekommen habe, waren die Voraussetzungen überall so gleich wie möglich – zumindest in der Schule.

Meine Lehrer haben mich immer ermutigt mein Potenzial zu nutzen, weil sie es gesehen haben. Wenn ich es nicht tat, war das meiner eigenen Dummheit geschuldet und nicht meiner Mitschüler – egal woher die waren.

Hatten diese Menschen, die bei mir so viele Fragen und so viel Verwunderung aufwerfen, keine Förderung als Kinder oder woher kommt dieser Neid und diese Missgunst? Warum ist da dieser Hass, der so spontan Zustimmung zeigt, wenn sich nur einer traut ihn auszusprechen?

Warum platzte dieses Gift damals aus diesen Menschen, als der Widerling Sarrazin seine menschenfeindlichen Thesen veröffentlichte? Woher diese spontane Zustimmung für jemanden, der so offensichtlich ein kranker Missgünstling ist und dringend in Therapie gehört und Hilfe braucht? Und warum von diesen Menschen, unter denen ich aufgewachsen bin, von denen ich eigentlich anderes gedacht hatte?

Als mir meine Schwestern früher berichteten, sie würden wegen der Tücher, die sie auf ihren Köpfen tragen angefeindet, lachte ich und glaubte ihnen nicht.

Ich hatte bis dahin irgendwie nie vergleichbare Erlebnisse. Im Gegenteil, waren die Menschen mit denen ich zu tun hatte, immer interessiert an mir und meiner Herkunft. Das war für mich die Norm, das war für mich meine Heimat. Hatte ich einfach nur Glück?

Aber es dauerte nicht lange und ich musste meine Erfahrung bald erweitern.

Stände neuer Parteien, die Bilder mit durchgestrichenen Moscheen als Piktogramm zeigten, waren plötzlich in meiner Stadt zu sehen. Meine Stadt, von der ich dachte, dass es so was hier nicht gibt.

Ich erinnere mich deutlich, dass ich zu einem der Leute an einem solchen Stand ging und fragte, ob das denn ernst gemeint sei. Er sagte, es sei absolut ernst. Ich ging – sprachlos.

Als diese Leute mehr wurden und sich mehr trauten ihr menschenverachtendes Gedankengut zu verbreiten, hoffte ich, man gibt ihnen kein Forum dafür. Ich wünschte mir, dass sie einfach niemand zu Wort kommen lässt, weil ich ahnte – nein, ich wusste, wie einfach sich Hass und durch Angst verbreiten lässt, was für fruchtbaren Boden Angst für Hass bietet und ich befürchtete, es würde schlimmer werden.

Es wurde schlimmer.

Man ließ sie reden und man hörte zu – und an den Stellen, wo etwas hätte getan werden können, wurde nichts getan. Die Medien verbreiteten das Gift und die Menschen gaben dafür Geld und Aufmerksamkeit und schluckten es. Erst skeptisch, später mit immer mehr Akzeptanz. Angst lässt sich sehr leicht verbreiten, wenn alle die davon profitieren zusammen arbeiten und alle, die Angst bekommen sollen immer brav hinsehen.

Der Hass kam zu uns in die Häuser, auf unsere Fernseher und es wurde immer deutlicher, dass der Fokus auf eine Gruppe Menschen eines bestimmten Glaubens gerichtet wurde.

Ich begann mich zu fragen, und tue das immer noch, wann es so weit ist, dass ich einen Sichelmond auf der Brust tragen muss und die Politik – und alle, denen ich diese Befürchtung gegenüber formulierte – lächelten abfällig. Ließen sie reden. „Die nimmt eh niemand ernst“.

In solchen Zeiten gibt es da jene, die in dieser Atmosphäre der Angst die Ängstlichen um sich scharen und ihnen von einer „Alternative“ berichten, wenn man nur die Schuldigen raus nimmt, die schnell und einfach genannt sind. Gab es alles schon.

Alles was nötig ist, ist sich auf alte Werte konzentrieren, die schädlichen Elemente entfernen und es wird alles wie früher… als alles besser war. Gab es alles schon.

Warum, das frage ich mich immer wieder, fallen diese Menschen, mit denen ich damals zur Schule gegangen bin, die die gleiche Bildung erfahren haben wie ich, auf diese Blender herein? Warum „bilden sie sich ihre Meinung“, obwohl wir doch alle in der Schule gelernt haben, dass da die wahren Hassprediger und ausschließlich jene schreiben?

Woher kommen diese Schreier, die ihre Angst verbreiten? Wir waren doch zusammen in der Schule, warum habt ihr plötzlich Angst vor mir und warum wollt ihr, dass alle anderen auch Angst haben?

Ich bin sprachlos, dass meine Schwestern für Dinge verantwortlich gemacht werden, für die sie nichts können, nur weil sie sich Tücher um den Kopf wickeln.

Ich bin sprachlos darüber, dass wir damals scheinbar doch nicht lange genug diesen nervigen Stoff durchgekaut haben, über den ich im Geschichtsunterricht mit all meinen deutschen und ausländischen Mitschülern zusammen gestöhnt und die Augen verdreht habe. Hatten wir doch alles schon.

Bei allem – was rechts ist… zieht eure Grenzen gerne woanders hoch. Ich liebe Deutschland.

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Integralrechnung

Wann bin ich „integriert“?

Diese Frage stellt sich mir fortwährend.

Ist meine Mutter integriert, die bereits seit 1978 hier lebt, mich und meine vier Geschwister hier zur Welt gebracht, groß gezogen und den meisten Teil ihres Lebens hier verbracht hat?

Oder fällt sie schon deswegen durch das Raster, weil sie fünf Kinder hat?

Ist sie integriert wenn sie hier schon länger lebt, als manch ein „Biodeutscher“? Immerhin zur Niederschrift dieses Textes über vierzig Jahre.

Oder fällt sie durch, weil sie sich irgendwann entschlossen hat ein Kopftuch zu tragen? Kann man sich durch einen solchen Entschluss „desintegrieren“? Schließlich trug sie keines, als sie herkam und begann damit erst einige Jahre später.

Sind meine Eltern nicht integriert, weil sie mit ihren Kindern nicht Weihnachten feierten? Sie haben uns, damit wir uns nicht zu ausgegrenzt fühlen, an unserer Zimmerpalme Schokolade gehängt. Gilt das?

Sind meine Eltern integriert, die in diesem Land gearbeitet und gelebt haben? Geliebt, gefeiert und getrauert haben? Die hier gewählt und teil gehabt haben, die nie eine Straftat begangen und das Leben so vieler anderer Menschen hier berührt haben.

Oder fallen sie durch, weil sie zu Hause nicht deutsch miteinander sprechen?

Ist mein Vater nach 50 Jahren Aufenthalt schon „integriert“ oder braucht er noch einen Kurs, um als „integriert“ zu gelten? Dieser Mann, der für die Verständigung zwischen den Menschen gearbeitet hat, der gedolmetscht hat zwischen Ärzten und Patienten, der nicht nur Worte, sondern auch Emotionen erlebt und übertragen hat? Der die Menschen von hier und von dort verstand und sie einander erklärte? Oder ist er erst integriert, wenn er jeden Abend in die Kneipe geht und jedes Jahr Karneval feiert?

Ab wann gelte ich als integriert? Oder falle ich meines Namens und meiner semitischen Nase durchs Raster, obwohl ich hier geboren wurde?

Bin ich integriert, wenn ich mich auf Öcher Platt unterhalten kann oder brauche ich noch einen Integrationskurs, wenn ich wegen meines Namens vom Türsteher nicht hinein gelassen werde?

Ab wann sind meine Schwestern integriert, die hier geboren und aufgewachsen sind? Reicht das schon oder müssen sie opportunistisch ihren Glauben erst als unterdrückend empfinden, damit sie nicht mehr angefeindet werden? Müssen sie aufhören, ihre Kinder bilingual zu erziehen oder reicht es, dass sie ihnen Grimms Märchen vorlesen?

Ist es genug, dass sie in ihrer Freizeit deutsche Bücher lesen und andere deutsche Medien konsumieren oder müssen sie auch arabische Musik vermeiden?

Gelten meine Nichten und Neffen, die hier geboren sind und hier aufwachsen, als integriert oder dürfen sie dafür nicht mehr am Zuckerfest und Opferfest teilnehmen?

Sind sie integriert, wenn sie in der Masse der Mitschülerinnen und Mitschüler verschwinden oder ist es eventuell hilfreich, wenn sie einen Schatz an Wissen aus einer anderen Kultur haben, den sie beisteuern können?

Müssen wir alle bei Familienfesten oder am Mittagstisch den Braten mit Soße und Kartoffeln essen oder dürfen wir das tun, wenn wir Lust darauf haben? Manchmal gibt es bei uns Hommos und Falafel und gefüllte Weinblätter, manchmal Fischstäbchen, manchmal Lasagne, manchmal Spaghetti. Wir wissen nicht, was wir tun sollen, um „integriert“ zu sein.

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