Integralrechnung

Wann bin ich „integriert“?

Diese Frage stellt sich mir fortwährend.

Ist meine Mutter integriert, die bereits seit 1978 hier lebt, mich und meine vier Geschwister hier zur Welt gebracht, groß gezogen und den meisten Teil ihres Lebens hier verbracht hat?

Oder fällt sie schon deswegen durch das Raster, weil sie fünf Kinder hat?

Ist sie integriert wenn sie hier schon länger lebt, als manch ein „Biodeutscher“? Immerhin zur Niederschrift dieses Textes über vierzig Jahre.

Oder fällt sie durch, weil sie sich irgendwann entschlossen hat ein Kopftuch zu tragen? Kann man sich durch einen solchen Entschluss „desintegrieren“? Schließlich trug sie keines, als sie herkam und begann damit erst einige Jahre später.

Sind meine Eltern nicht integriert, weil sie mit ihren Kindern nicht Weihnachten feierten? Sie haben uns, damit wir uns nicht zu ausgegrenzt fühlen, an unserer Zimmerpalme Schokolade gehängt. Gilt das?

Sind meine Eltern integriert, die in diesem Land gearbeitet und gelebt haben? Geliebt, gefeiert und getrauert haben? Die hier gewählt und teil gehabt haben, die nie eine Straftat begangen und das Leben so vieler anderer Menschen hier berührt haben.

Oder fallen sie durch, weil sie zu Hause nicht deutsch miteinander sprechen?

Ist mein Vater nach 50 Jahren Aufenthalt schon „integriert“ oder braucht er noch einen Kurs, um als „integriert“ zu gelten? Dieser Mann, der für die Verständigung zwischen den Menschen gearbeitet hat, der gedolmetscht hat zwischen Ärzten und Patienten, der nicht nur Worte, sondern auch Emotionen erlebt und übertragen hat? Der die Menschen von hier und von dort verstand und sie einander erklärte? Oder ist er erst integriert, wenn er jeden Abend in die Kneipe geht und jedes Jahr Karneval feiert?

Ab wann gelte ich als integriert? Oder falle ich meines Namens und meiner semitischen Nase durchs Raster, obwohl ich hier geboren wurde?

Bin ich integriert, wenn ich mich auf Öcher Platt unterhalten kann oder brauche ich noch einen Integrationskurs, wenn ich wegen meines Namens vom Türsteher nicht hinein gelassen werde?

Ab wann sind meine Schwestern integriert, die hier geboren und aufgewachsen sind? Reicht das schon oder müssen sie opportunistisch ihren Glauben erst als unterdrückend empfinden, damit sie nicht mehr angefeindet werden? Müssen sie aufhören, ihre Kinder bilingual zu erziehen oder reicht es, dass sie ihnen Grimms Märchen vorlesen?

Ist es genug, dass sie in ihrer Freizeit deutsche Bücher lesen und andere deutsche Medien konsumieren oder müssen sie auch arabische Musik vermeiden?

Gelten meine Nichten und Neffen, die hier geboren sind und hier aufwachsen, als integriert oder dürfen sie dafür nicht mehr am Zuckerfest und Opferfest teilnehmen?

Sind sie integriert, wenn sie in der Masse der Mitschülerinnen und Mitschüler verschwinden oder ist es eventuell hilfreich, wenn sie einen Schatz an Wissen aus einer anderen Kultur haben, den sie beisteuern können?

Müssen wir alle bei Familienfesten oder am Mittagstisch den Braten mit Soße und Kartoffeln essen oder dürfen wir das tun, wenn wir Lust darauf haben? Manchmal gibt es bei uns Hommos und Falafel und gefüllte Weinblätter, manchmal Fischstäbchen, manchmal Lasagne, manchmal Spaghetti. Wir wissen nicht, was wir tun sollen, um „integriert“ zu sein.

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