The Mind Killer

Eigentlich (oder „einzlisch“, wie man bei uns in Aachen zu sagen pflegt) müsste der Islam gerade unglaublichen Zulauf haben. Er kommt schließlich mit eingebautem Schutzschild gegen terroristische Angriffe, die islamistisch motiviert sind.

Genauso wie eine zusätzliche Versicherung und ein gut gefülltes Girokonto bei einem Flugzeugabsturz davor schützen zu sterben.

Lustig, dass bei dem Satz mit dem Flugzeug direkt jede denkt, dass das absurd ist, bei der ersten Feststellung sich aber scheinbar niemand klar macht, dass es eben nicht so ist.

Ich versuche mal etwas deutlicher auszudrücken, was ich meine:

Beliebt sind ja Attentate, wo jemand sich bewaffnet oder mit Sprengstoff in eine Menschenmenge oder in ein öffentliches Verkehrsmittel hinein läuft. Hoch im Kurs, lange nicht gehabt, sind große Fahrzeuge, die in Menschenmengen gefahren werden.

Die Reaktionen der Hassschreier auf diese Taten lassen ja immer darauf schließen, dass Muslime das erstens super finden, was da im konkreten Fall passiert ist und zweitens selbst keine Angst davor haben.

Jetzt weiß ich nicht, ob ich einfach bisher nur nie davon gehört habe oder man mich nicht in den geheimen Zirkel aufnimmt, wo es die extra Schutzschilde für Moslems gibt. Diese sorgen dann dafür, dass wenn ein Kind muslimischer Eltern, was gerade auf dem Weg zur Schule in ein solches Attentat gerät, vor einer Explosion geschützt ist und einfach weiter auf ihrem Handy das neueste Video ihres Lieblings-Imam auf YouTube weiter schaut. Also so stelle ich mir das vor.

Das Kind steigt dann etwas verwundert über den Tumult aus dem Bus, ist aber unversehrt.

Das funktioniert natürlich nicht, wenn es ein Attentat eines Rechtsnationalisten oder eines sonstig verstörten Geistes ist. Dafür ist das Schild dann nicht ausgelegt. Wäre ja blöd.

Langer Spinnerei kurzer Sinn:

Es ist ein Trugschluss zu denken, Muslime hätten keine Angst vor terroristischen Angriffen oder seien außen vor. Darum ist die Nennung der Motivation hinter dem Angriff eigentlich immer nur etwas, um die Massen gegeneinander aufzuwiegeln. Das Resultat des Attentats bleibt dasselbe und die toten Menschen kommen dadurch nicht wieder.

Wahnsinnige werden nicht dadurch weniger, dass man ihne Herkunft nennt oder sie in eine bestimmte Schublade steckt bzw sie aus einer Schublade holt.

Unsere Angst wird nicht dadurch geringer, dass wir uns dauernd damit befassen, was woanders alles passiert. Sie wird auch nicht weniger, wenn wir ständig und immer wieder hinsehen wie die Hyänen und uns Angst machen lassen.

Auch wird es nichts an den Attentätern ändern, wenn alle mit hochgezogenen Schultern und knirschenden Zähnen durch die Welt laufen. Wahrscheinlich macht das sogar eher mehr.

Unsere Angst wird nicht dadurch geringer, dass wir sie an unsere Kinder weiter geben und ihnen sagen, sie mögen vor „diesen Leuten“ aufpassen, mit denen sie ja zusammen leben.

Unsere Angst wird nur dadurch weniger, wenn wir anfangen uns selbst mehr Raum für Liebe zu gestatten.

Sie wird sich in Luft auflösen, wenn wir statt auf die Angstmacher und Hassprediger zu hören, Liebe und Verständnis für unsere Mitmenschen an unsere Kinder weiter geben.

Diese werden das wiederum an alle Menschen in ihrer direkten Umgebung weiter geben – besonders auch an jene, die sie brauchen, um nicht zu wahnsinnigen zu werden.

Unsere Angst wird sich erst dann auflösen, wenn wir nicht die Augen verdrehen, sobald einer von Liebe für die Mitmenschen und Verständnis für das andersartige spricht. Von wegen „Gutmensch“.

Die Angst wird erst dann aufhören, wenn wir einen Schlussstrich ziehen und nicht mehr sagen „aber die haben angefangen!“.

Die Angst hört auf, wenn wir jene, die vor lauter Angst allen anderen auch Angst machen wollen, damit konfrontieren und sie fragen, ob sie das merken und warum sie das denn wollen.

Unsere Angst wird schließlich erst dann verschwinden, wenn wir aufhören den ersten Schritt von jemand anderem zu erwarten oder versuchen jemanden zu ändern. Geh den Schritt selbst!

Gutmensch-Schreiberling

In Folge eines meiner Texte wurde ich auf ein Wort hingewiesen, was wohl mittlerweile in den Sprachgebrauch der Menschenhasser und Rechtspopulisten übergegangen ist: „Schreiberlinge“.

Nun bin ich nicht in irgendwelchen sozialen Netzwerken unterwegs und kenne den aktuellen „hate speech“, der dort kursiert nicht. Eben genau deswegen.

Ein Wort, was ich bislang eigentlich wertfrei genutzt hatte.

Was ich aber schon vorher feststellte, war ein komischer Geschmack im Mund, wenn ich das Wort „Alternative“ in einem Satz nutzte.

Wenn mir das auffiel, zögerte ich meist einen Moment, dachte über mein Zögern nach und nutzte das Wort dann trotzdem, weil es mir absurd erschien, hier nach einer → Alternative ← zu suchen.

Warum das ungute Gefühl?

Das rechte Spektrum unserer Politik eint seit jetzt etwas über fünf Jahren alle Hassprediger, Missgünstlinge, Neider und Blender unter dem Parteinamen „Alternative für Deutschland“. Natürlich verkaufen sie da diese „Alternative“ als Lösung für alle Probleme, die wir als Gesellschaft so haben und liefern direkt einen Schuldigen bzw. eine schuldige Menschengruppe mit. Egal, ob es nun ganz klassisch die Arbeitslosigkeit oder ein verstopfter Abfluss ist. Aber das ist nun nicht das, worauf ich hinaus will.

Das eben geschilderte Gefühl hat bei mir unter anderem dazu geführt, dass ich mir überlege, ob ich mir davon nun Wörter, die ich bislang genutzt habe, aus meinem Wortschatz streichen lassen möchte.

Mein Entschluss ist, dass ich mir diese Wörter nicht nehmen lasse.

„Linksgrünversifft“, wenngleich es ein Neologismus genau dieser hässlichen Menschen ist, hänge ich mir stolz an mein nicht vorhandenes Wappen. Ebenso „Gutmensch“ und all die anderen begriffe, die allein durch die Erwähnung durch diese Vollzeitneider zu Abfälligkeiten werden.

So werde ich auch weiterhin das Wort „Schreiberling“ unkonnotiert als Synonym für jemanden nutzen, der in einer Redaktion arbeitet oder sonst beruflich oder in ihrer Freizeit schreibt. Also auch für mich. Wenn ich denn mal ein Synonym brauche.

Ich werde mir nicht immer mehr Worte mit Kot beschmieren lassen, weil diese Leute sie mit ihren braunen Fingern anfassen.

Ich bin ein linksgrünversiffter Gutmensch-Schreiberling und das ist auch gut so!

Egozentrik

Ich bin wohl das, was man heute so schön als „Migrantenkind“ umschreibt.

Also unter anderem – derzeit ist das allerdings das Spiegelbild, was mir im öffentlichen Leben vorgehalten wird.

Was bin ich eigentlich noch?

Geboren 1979 in Aachen, und ebenda aufgewachsen.

Abi auf dem zweiten Bildungsweg gemacht, Wehrdienst geleistet, Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration abgeschlossen und auf dem Gebiet 15 Jahre als System- und Netzwerkadministrator gearbeitet.

Ich bin Erstgeborener von fünf Kindern meiner Eltern, die aus den besetzten Gebieten Palästinas stammen.

Ich bin sprachenvernarrt und literaturverliebt.

Ich bin vorsichtig geworden mit dem, was ich sage und wie ich es sage.

Ich bin jemand, der gerne auch mal um Entschuldigung bittet, wenn ich die Gefühle eines anderen verletzt habe.

Ich bin Weltenbürger und Aachener – mit Leib und Seele.

Ich bin eine körperliche wie geistige Symbiose aus Orient und Okzident.

Ich konsumiere Bücher, Filme und Serien.

Ich bin Nerd und sammle Spiele und Konsolen und trage das gerne nach Außen.

Ich bin Musiker, zumindest versuche ich mich manchmal als solcher.

Ich bin Musik- und allgemein Kunstliebhaber und trage auch das gerne auf Band-Shirts nach Außen.

Ich erforsche und zeige gerne Welten – nah wie fern.

Ich bin Pazifist und liebe … und liebe.

Ich bin handwerklich völlig unbegabt.

Ich bin ein Helfer bei allem, was ich denke zu können.

Ich bin gerne verständnisvoll und will verstanden werden.

Ich bin privat – also niemand, der „nichts zu verbergen“ hat und gehe mit meinen Daten sparsam um.

Ich bin wohl als „links-grün-versifft“ zu bezeichnen – und das ist auch gut so!

Ich bin Humanist, umweltbewusst, naturliebend.

Ich bin ein glühender Unterstützer der Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Merkel. Auch wenn ich sonst nichts an ihrer Politik oder Partei finden kann.

Ich bin beschämt, dass viele Flüchtlinge und Migranten ihr Bild, und auch das Bild aller hier bereits lange lebenden Migranten schädigen.

Ich bin geduldig.

Ich bin intolerant gegenüber Intoleranz.

Ich bin glücklich darüber, hier geboren worden zu sein und nicht in die Slums von Indien, wo ich mich einer Kaste unterordnen muss.

Ich bin glücklich darüber, hier geboren worden zu sein und nicht in Bangladesch, wo ich höchstwahrscheinlich keine Kindheit gehabt hätte, sondern wohl in einer Fabrik hätte arbeiten müssen.

Ich bin glücklich darüber, hier geboren worden zu sein und nicht in der Heimat meiner Eltern, weil ich oder eines meiner Geschwister sonst wahrscheinlich in unserer Jugend an der Intifada teilgenommen und womöglich getötet worden wären.

Ich bin glücklich darüber das Glück gehabt zu haben in eine Umgebung geboren worden zu sein, in der ich die Option hatte kostenlos Bildung anzunehmen und diese, in meinen begrenzten Fähigkeiten genutzt habe.

Ich bin glücklich darüber, dass ich nicht klage während es mir gut geht und andere Menschen, denen es bedeutend schlechter geht als mir, mehr lachen und fröhlicher sind, als die Menschen um mich, die das selbe Glück hatten.

Ich bin glücklich darüber, dass ich zum Arzt gehen kann, wenn ich krank bin, ohne mir darüber Gedanken machen zu müssen, ob ich das bezahlen kann.

Ich bin glücklich darüber, dass ich die Zeit und Muße habe, mir über mein Glück Gedanken zu machen und mich darüber zu freuen.

Ich bin glücklich darüber, sehen zu können, dass ich so viel Glück habe.

Ich bin all das und werde am Eingang eines Ladens wegen des arabischen Namens in meinem Ausweis nicht eingelassen.

So-nderschule

Erst waren es die Hassprediger vom Springer-Verlag. Parallel dazu machte es jedwede Regenbogenpresse, sowohl in den Print- als auch in anderen Medien.

Mittlerweile findet man diese Ausgeburt schlechten Schreibstils auch in Artikeln renommierter Zeitschriften und Zeitungen: So schlecht schreiben Deutschlands Redakteure!

Was ist das für eine seltsame Entwicklung mit dem „so“ am Anfang eines Satzes? Was ist das überhaupt für ein Satz?

Das Wörtchen „so“ dient ja vielen Zwecken in unserer Sprache, die gar nicht so (!) hölzern ist, wie sie viele immer finden.

Es lässt sich dort nutzen, wo ich auf etwas zeige:

„Ich möchte nicht so viel Kleingeld!“ oder

„was willst du mit so einem Kerl?!“.

Es kürzt also das Wort „solch“ ab.

Es kann aber auch auf eine Art und Weise deuten:

„Ach, so geht das?“ oder

„Warum machst du das so kompliziert?“

Oder wie oben in meinem Satz, wo ich sagte, dass die Sprache nicht so hölzern ist. Es ist hier etwas nicht derart, wie es dargestellt wird. Meist noch mit der Intention eine andere Aussage, auf die man sich bezieht, damit zu relativieren.

„Es ist alles gar nicht so schlimm, wie du immer sagst!“

Schließlich wird es umgangssprachlich noch genutzt, wo jemand auf die Art und Weise von etwas hinweisen will: „So dicke Eier habe ich … letzte Woche aus dem Hühnerstall geholt!“.

Warum nun aber Schreiberlinge in ganz Deutschland dazu neigen, fast jede Schlagzeile mit diesem Wörtchen zu beginnen, will sich mir nicht recht erschließen.

„So scheiße klingen unsere Schlagzeilen!“

Richtig und stilistisch schöner, liebe Redakteure wäre: „Unsere Schlagzeilen klingen scheiße!“

Alles was rechts ist

Ich glaube, ich bin einfach verblüfft. Nicht mal enttäuscht oder verärgert, sondern einfach überrascht und verblüfft.

Verblüfft darüber, dass diese Generation, mit der ich zur Schule gegangen bin, so denkt.

Was ist da passiert?

Wir sind im selben System aufgewachsen. Hattet ihr nicht auch Grundschullehrerinnen und -lehrer, die euch Verständnis und Offenheit gelehrt haben oder war das einfach mein Glück?

Hattet ihr nicht auch im Kindergarten schon Kinder aus anderen Ländern, mit denen ihr zusammen gespielt habt? War das damals ein Problem für euch? Oder seid ihr in Nationalitäten und Ethnien aufgeteilt worden? Ich weiß, dass ich im Kindergarten schon einen deutschen besten Freund hatte und wir keine Unterschiede sahen – außer dass er meinen Namen nicht richtig aussprechen konnte aber das war mir schon als Kind ziemlich egal.

Falls ihr anderes erlebt habt, lasst es mich bitte wissen, es würde so vieles erklären. Wie war das im Osten? Als ich im Kindergarten war, gab es da doch noch dieses Land, was sich viele, die von dort sind, zurück wünschen, wo Gleichheit unter den Menschen gelehrt wurde.

Habt ihr, dort wie hier, in der Schule nicht auch gelernt, dass die Klassenkameradin mit der dunklen Haut und der Klassenkamerad, der kein Schweinefleisch isst, durch die selbe Pubertät gehen muss, wie ihr auch?

Oder haben die bei euch im Biologieunterricht in einen anderen Raum gehen müssen, wo sie darauf vorbereitet werden euch die Arbeitsplätze und die Frauen wegzunehmen? Vielleicht erinnere ich mich ja auch einfach nicht richtig.

Ich erinnere mich, dass es bei uns in der Grundschule Unterricht für griechische Kinder gab – das war allerdings die einzige Zeit, wo Kosta und Irini und Evangelila mal für eine Stunde in eine andere Klasse gegangen sind. Ich brauchte auch nicht am Religionsunterricht teilzunehmen.

Kommt daher vielleicht schon der Neid?

Musstet ihr nicht, genau wie ich auch, im Geschichtsunterricht durch die endlos wirkenden Wiederholungen das dritte Reich betreffend? Oder haben sich die Ausländer eurer Schulklassen vorne zum Lehrer hingestellt und euch mit erhobenem Zeigefinger verantwortlich dafür gemacht, was eure Großeltern gemacht haben?

Ich weiß, dass ich, genau wie meine Mitschüler auch, gestöhnt und die Augen verdreht habe, wenn wir wieder mit diesen Dingen betankt wurden.

Aber es war und es ist wichtig, dass wir das wissen – offensichtlich.

Haben wir, die wir aus anderen Ländern stammen, oftmals aber hier geboren und aufgewachsen sind, bessere Chancen gehabt als ihr, die ihr von hier seid? So, wie ich das mitbekommen habe, waren die Voraussetzungen überall so gleich wie möglich – zumindest in der Schule.

Meine Lehrer haben mich immer ermutigt mein Potenzial zu nutzen, weil sie es gesehen haben. Wenn ich es nicht tat, war das meiner eigenen Dummheit geschuldet und nicht meiner Mitschüler – egal woher die waren.

Hatten diese Menschen, die bei mir so viele Fragen und so viel Verwunderung aufwerfen, keine Förderung als Kinder oder woher kommt dieser Neid und diese Missgunst? Warum ist da dieser Hass, der so spontan Zustimmung zeigt, wenn sich nur einer traut ihn auszusprechen?

Warum platzte dieses Gift damals aus diesen Menschen, als der Widerling Sarrazin seine menschenfeindlichen Thesen veröffentlichte? Woher diese spontane Zustimmung für jemanden, der so offensichtlich ein kranker Missgünstling ist und dringend in Therapie gehört und Hilfe braucht? Und warum von diesen Menschen, unter denen ich aufgewachsen bin, von denen ich eigentlich anderes gedacht hatte?

Als mir meine Schwestern früher berichteten, sie würden wegen der Tücher, die sie auf ihren Köpfen tragen angefeindet, lachte ich und glaubte ihnen nicht.

Ich hatte bis dahin irgendwie nie vergleichbare Erlebnisse. Im Gegenteil, waren die Menschen mit denen ich zu tun hatte, immer interessiert an mir und meiner Herkunft. Das war für mich die Norm, das war für mich meine Heimat. Hatte ich einfach nur Glück?

Aber es dauerte nicht lange und ich musste meine Erfahrung bald erweitern.

Stände neuer Parteien, die Bilder mit durchgestrichenen Moscheen als Piktogramm zeigten, waren plötzlich in meiner Stadt zu sehen. Meine Stadt, von der ich dachte, dass es so was hier nicht gibt.

Ich erinnere mich deutlich, dass ich zu einem der Leute an einem solchen Stand ging und fragte, ob das denn ernst gemeint sei. Er sagte, es sei absolut ernst. Ich ging – sprachlos.

Als diese Leute mehr wurden und sich mehr trauten ihr menschenverachtendes Gedankengut zu verbreiten, hoffte ich, man gibt ihnen kein Forum dafür. Ich wünschte mir, dass sie einfach niemand zu Wort kommen lässt, weil ich ahnte – nein, ich wusste, wie einfach sich Hass und durch Angst verbreiten lässt, was für fruchtbaren Boden Angst für Hass bietet und ich befürchtete, es würde schlimmer werden.

Es wurde schlimmer.

Man ließ sie reden und man hörte zu – und an den Stellen, wo etwas hätte getan werden können, wurde nichts getan. Die Medien verbreiteten das Gift und die Menschen gaben dafür Geld und Aufmerksamkeit und schluckten es. Erst skeptisch, später mit immer mehr Akzeptanz. Angst lässt sich sehr leicht verbreiten, wenn alle die davon profitieren zusammen arbeiten und alle, die Angst bekommen sollen immer brav hinsehen.

Der Hass kam zu uns in die Häuser, auf unsere Fernseher und es wurde immer deutlicher, dass der Fokus auf eine Gruppe Menschen eines bestimmten Glaubens gerichtet wurde.

Ich begann mich zu fragen, und tue das immer noch, wann es so weit ist, dass ich einen Sichelmond auf der Brust tragen muss und die Politik – und alle, denen ich diese Befürchtung gegenüber formulierte – lächelten abfällig. Ließen sie reden. „Die nimmt eh niemand ernst“.

In solchen Zeiten gibt es da jene, die in dieser Atmosphäre der Angst die Ängstlichen um sich scharen und ihnen von einer „Alternative“ berichten, wenn man nur die Schuldigen raus nimmt, die schnell und einfach genannt sind. Gab es alles schon.

Alles was nötig ist, ist sich auf alte Werte konzentrieren, die schädlichen Elemente entfernen und es wird alles wie früher… als alles besser war. Gab es alles schon.

Warum, das frage ich mich immer wieder, fallen diese Menschen, mit denen ich damals zur Schule gegangen bin, die die gleiche Bildung erfahren haben wie ich, auf diese Blender herein? Warum „bilden sie sich ihre Meinung“, obwohl wir doch alle in der Schule gelernt haben, dass da die wahren Hassprediger und ausschließlich jene schreiben?

Woher kommen diese Schreier, die ihre Angst verbreiten? Wir waren doch zusammen in der Schule, warum habt ihr plötzlich Angst vor mir und warum wollt ihr, dass alle anderen auch Angst haben?

Ich bin sprachlos, dass meine Schwestern für Dinge verantwortlich gemacht werden, für die sie nichts können, nur weil sie sich Tücher um den Kopf wickeln.

Ich bin sprachlos darüber, dass wir damals scheinbar doch nicht lange genug diesen nervigen Stoff durchgekaut haben, über den ich im Geschichtsunterricht mit all meinen deutschen und ausländischen Mitschülern zusammen gestöhnt und die Augen verdreht habe. Hatten wir doch alles schon.

Bei allem – was rechts ist… zieht eure Grenzen gerne woanders hoch. Ich liebe Deutschland.

Integralrechnung

Wann bin ich „integriert“?

Diese Frage stellt sich mir fortwährend.

Ist meine Mutter integriert, die bereits seit 1978 hier lebt, mich und meine vier Geschwister hier zur Welt gebracht, groß gezogen und den meisten Teil ihres Lebens hier verbracht hat?

Oder fällt sie schon deswegen durch das Raster, weil sie fünf Kinder hat?

Ist sie integriert wenn sie hier schon länger lebt, als manch ein „Biodeutscher“? Immerhin zur Niederschrift dieses Textes über vierzig Jahre.

Oder fällt sie durch, weil sie sich irgendwann entschlossen hat ein Kopftuch zu tragen? Kann man sich durch einen solchen Entschluss „desintegrieren“? Schließlich trug sie keines, als sie herkam und begann damit erst einige Jahre später.

Sind meine Eltern nicht integriert, weil sie mit ihren Kindern nicht Weihnachten feierten? Sie haben uns, damit wir uns nicht zu ausgegrenzt fühlen, an unserer Zimmerpalme Schokolade gehängt. Gilt das?

Sind meine Eltern integriert, die in diesem Land gearbeitet und gelebt haben? Geliebt, gefeiert und getrauert haben? Die hier gewählt und teil gehabt haben, die nie eine Straftat begangen und das Leben so vieler anderer Menschen hier berührt haben.

Oder fallen sie durch, weil sie zu Hause nicht deutsch miteinander sprechen?

Ist mein Vater nach 50 Jahren Aufenthalt schon „integriert“ oder braucht er noch einen Kurs, um als „integriert“ zu gelten? Dieser Mann, der für die Verständigung zwischen den Menschen gearbeitet hat, der gedolmetscht hat zwischen Ärzten und Patienten, der nicht nur Worte, sondern auch Emotionen erlebt und übertragen hat? Der die Menschen von hier und von dort verstand und sie einander erklärte? Oder ist er erst integriert, wenn er jeden Abend in die Kneipe geht und jedes Jahr Karneval feiert?

Ab wann gelte ich als integriert? Oder falle ich meines Namens und meiner semitischen Nase durchs Raster, obwohl ich hier geboren wurde?

Bin ich integriert, wenn ich mich auf Öcher Platt unterhalten kann oder brauche ich noch einen Integrationskurs, wenn ich wegen meines Namens vom Türsteher nicht hinein gelassen werde?

Ab wann sind meine Schwestern integriert, die hier geboren und aufgewachsen sind? Reicht das schon oder müssen sie opportunistisch ihren Glauben erst als unterdrückend empfinden, damit sie nicht mehr angefeindet werden? Müssen sie aufhören, ihre Kinder bilingual zu erziehen oder reicht es, dass sie ihnen Grimms Märchen vorlesen?

Ist es genug, dass sie in ihrer Freizeit deutsche Bücher lesen und andere deutsche Medien konsumieren oder müssen sie auch arabische Musik vermeiden?

Gelten meine Nichten und Neffen, die hier geboren sind und hier aufwachsen, als integriert oder dürfen sie dafür nicht mehr am Zuckerfest und Opferfest teilnehmen?

Sind sie integriert, wenn sie in der Masse der Mitschülerinnen und Mitschüler verschwinden oder ist es eventuell hilfreich, wenn sie einen Schatz an Wissen aus einer anderen Kultur haben, den sie beisteuern können?

Müssen wir alle bei Familienfesten oder am Mittagstisch den Braten mit Soße und Kartoffeln essen oder dürfen wir das tun, wenn wir Lust darauf haben? Manchmal gibt es bei uns Hommos und Falafel und gefüllte Weinblätter, manchmal Fischstäbchen, manchmal Lasagne, manchmal Spaghetti. Wir wissen nicht, was wir tun sollen, um „integriert“ zu sein.

Unterhaltung

Sehr geehrter Herr Rether,

es böte sich an, dieses Schreiben mit Lobhudelei zu beginnen. Erstens wäre mir bei Ihnen danach, denn ich finde ihr Programm großartig und zweitens fängt ein ,,Fan” ja üblicherweise folgendermaßen seinen Brief an den Star an: ,, (…) ich bin schon so lange ein Fan und finde dich so toll, etc. pp.” aber das will ich Ihnen und mir ersparen und habe dieses jetzt geschickt als Einleitung für diesen Brief genutzt.

Seit etwa dem Jahr 2006 verfolge ich Ihr Programm ,,Liebe”.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: ich liebe es!

Mit den Inhalten bin ich d’accord und die Darbietung auf Ihre ganz persönliche Art, führt dazu, dass ich mich über Sachverhalte amüsiere, die alles andere als amüsant sind.
Womit wir auch schon beim Punkt wären:

Ich werde keines Ihrer Konzerte mehr besuchen.

Das bedeutet nun nicht, dass ich zum rechtskonservativen Menschenhasser geworden bin.
Als ich jüngst erneut ein Plakat sah, auf dem Ihr Bild abgebildet gewesen ist, freute ich mich und überlegte, mit wem ich mal wieder, für mich sicher zum zehnten Male, Ihrem Auftritt hier beiwohnen könnte.

Dann erinnerte ich mich an meine Gefühle bei den letzten Auftritten und eigentlich dem, was seit dem ersten Besuch eines Ihrer Konzerte da war. Zuerst latent, dann immer stärker.
Ich schämte mich dafür, dass ich da saß und über Dinge lachte, die eigentlich nicht lustig, sondern sehr ernst sind. Dinge bei denen Handlungsbedarf besteht.

Dieses Gefühl verstärkte sich von Mal zu Mal und ich bewunderte Ihre Arbeit die Menschen aufzuklären und dies auf witzige Art zu tun. Doch wie Sie mir und all den anderen Menschen so den Spiegel vorhielten, hielt auch ich Ihnen den Spiegel vor und blickte selbst hinein.

Es entwickelte sich Mitleid für Sie und Ihre Arbeit. Sie reisen unablässig durch die Lande, machen auf Missstände aufmerksam, versuchen dabei jeden Abend zu lachen, hoffen auf das Lachen der Menschen und vor Allem auf die Früchte der Inhalte. Zumindest wünsche ich mir, dass ich das gesehen habe.

Bei den letzten Auftritten, die ich besucht habe, die beide im Jahr 2018 gewesen sind, glaubte ich aber etwas neues zu spüren: Verbitterung.
Und ich bekam Angst, dass Sie diese Sache irgendwann nicht mehr machen wollen oder können, weil es niemanden erreicht. Weil die Nachrichten, die Sie den Menschen zukommen lassen wollen, die Aussagen, die sie vermitteln wollen, die Menschen zum lachen bringen aber nicht dazu sich oder etwas zu ändern.

Ich weiß nicht, was Ihre Ansprüche sind, ob Sie wissen, dass Sie die Welt nicht verändern werden und nur einen kleinen Teil dazu beitragen können, dass es versucht wird. Oder ob Sie vielleicht derart idealismusgetrieben sind, dass Sie hoffen vielleicht doch die Menschen wachrütteln zu können.

Was ich weiß ist, dass ich keines Ihrer Konzerte mehr besuchen werde, sondern jedes Mal, wenn ich sehe, dass Sie einen Auftritt in meiner Nähe haben den ich gerne besucht hätte, das Geld einer humanitären Einrichtung spenden werde. Zumindest zuerst. Ob mir danach etwas besseres einfällt, weiß ich noch nicht.

Ich wünsche Ihnen aber von Herzen, dass Sie die Kraft und den Willen behalten Ihr Programm weiter zu machen. Mich haben Sie erreicht, auch wenn Sie an mir wahrscheinlich kein Geld mehr verdienen werden… oder muss ich jetzt auch aufhören Karten für Ihre Auftritte zu verschenken?

Es grüßt Sie,

KH

PS: ich werde diesen Brief auch auf meinem Blog veröffentlichen.

Vielleicht mögen Sie mal vorbei schauen und mir einen Kommentar da lassen.